Alle Artikel
Praxis•04. Oktober 2026•6 Min

Digitale Kompetenzen im Marketing: Was Teams jetzt wirklich können müssen

Markus Bockhorni

Markus Bockhorni

Gründer der eMBIS Akademie für Online Marketing

Neue Tools erscheinen im Wochentakt. KI übernimmt Aufgaben, für die vor wenigen Jahren noch mehrere Stunden Arbeit nötig waren. Daten entstehen an immer mehr Stellen. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an Datenschutz, Qualität und den verantwortungsvollen Umgang mit künstlicher Intelligenz.

Für Marketing-Teams ergibt sich daraus ein interessantes Paradox: Digitale Kompetenz wird wichtiger, aber einzelne Tool-Kenntnisse werden gleichzeitig schneller wertlos.

Wer heute nur weiß, wo in einem bestimmten System welcher Button sitzt, kann morgen schon wieder von vorne anfangen.

Zukunftsfähiger ist eine andere Art von Kompetenz: Technologien verstehen, Ergebnisse beurteilen, Daten richtig einordnen und neue Werkzeuge schnell in bestehende Arbeitsprozesse integrieren.

  • Die relevante Kombination lautet also nicht:Technik oder menschliche Fähigkeiten.
  • Sondern:Technik plus Urteilsvermögen plus Lernfähigkeit.

Anwenden können reicht nicht mehr

ChatGPT, Perplexity oder Claude öffnen, einen Prompt eingeben und das Ergebnis kopieren ist keine KI-Kompetenz.

KI-Kompetenz (AI Literacy) bedeutet vielmehr, einschätzen zu können:

  • für welche Aufgaben KI sinnvoll eingesetzt werden kann,
  • welches Modell oder Werkzeug zum jeweiligen Zweck passt,
  • welche Informationen nicht in ein externes System gehören,
  • wie gute Prompts und Arbeitsabläufe aufgebaut werden,
  • woran sich fehlerhafte oder erfundene Ergebnisse erkennen lassen,
  • wann menschliche Kontrolle notwendig ist,
  • wie KI-Ergebnisse rechtlich und qualitativ eingeordnet werden müssen.

Im Marketing betrifft das inzwischen fast den gesamten Workflow: Recherche, Konzeption, Text, Bildideen, Kampagnenplanung, Datenanalyse, Personalisierung oder Reporting.

Die entscheidende Fähigkeit ist deshalb nicht Prompting allein. Sie besteht darin, KI sinnvoll in einen Prozess einzubauen und gleichzeitig die Verantwortung für das Ergebnis zu behalten.

KI im Unternehmen: Nutzung braucht Qualifizierung

Das Thema hat inzwischen auch eine regulatorische Dimension. Artikel 4 des EU AI Act verpflichtet Anbieter und Betreiber von KI-Systemen dazu, Maßnahmen zur Förderung der KI-Kompetenz der Personen zu ergreifen, die mit diesen Systemen arbeiten. Ein bestimmtes Kompetenzniveau oder ein spezielles Zertifikat schreibt die Regelung nicht vor; die Maßnahmen sollen zum Einsatzkontext, zum vorhandenen Wissen und zu den jeweiligen Risiken passen.

Für Unternehmen bedeutet das praktisch: „Unsere Mitarbeiter dürfen ChatGPT verwenden“ ist noch keine KI-Strategie – und auch kein Qualifizierungskonzept.

Marketing-Teams sollten zumindest verstehen, wie die eingesetzten Systeme funktionieren, wo typische Fehlerquellen liegen und welche Regeln im Unternehmen für ihre Nutzung gelten. Wer dieses Wissen gezielt aufbauen möchte, kann beispielsweise in einem praxisorientierten Seminar zu KI im Online-Marketing lernen, wie sich KI konkret in Marketingprozesse integrieren lässt.

Datenkompetenz: Zahlen lesen ist nur die erste Stufe

Marketing ist heute datengetrieben. Das bedeutet allerdings nicht automatisch, dass Marketingentscheidungen datenkompetent getroffen werden. Dashboards liefern Zahlen, KI-Systeme interpretieren sie und Plattformen geben Empfehlungen. Doch wirkliche Datenkompetenz beginnt erst dort, wo diese Ergebnisse kritisch eingeordnet und in fundierte Entscheidungen übersetzt werden.

Ein gutes Marketing-Team muss beispielsweise unterscheiden können zwischen:

  • Korrelation und tatsächlicher Ursache,
  • interessanten Kennzahlen und geschäftsrelevanten KPIs,
  • statistischen Veränderungen und normalem Rauschen,
  • Plattform-Metriken und tatsächlichem Unternehmenserfolg,
  • automatisierten Empfehlungen und nachvollziehbaren Entscheidungen.

Content-Kompetenz bedeutet heute auch Qualitätskontrolle

Generative KI hat die Produktionskosten für Inhalte massiv gesenkt. Einen ersten Textentwurf zu erstellen, ist heute kaum noch die eigentliche Herausforderung. Die schwierige Arbeit beginnt danach.

Marketing-Teams müssen beurteilen können:

  • Ist die Aussage fachlich korrekt?
  • Ist der Inhalt wirklich relevant oder nur plausibel formuliert?
  • Enthält der Text unbelegte Behauptungen?
  • Passt er zur Marke?
  • Liefert er einen eigenen Gedanken?
  • Beantwortet er die tatsächliche Such- oder Nutzerintention?
  • Kann er veröffentlicht werden oder braucht er menschliche Überarbeitung?

Damit verschiebt sich Content-Kompetenz von der reinen Produktion stärker in Richtung Briefing, Steuerung, Bewertung und redaktionelle Verantwortung. Das gilt besonders dort, wo viele Inhalte mit KI skaliert werden sollen. Wer schlechte Prozesse automatisiert, produziert schlechte Ergebnisse lediglich schneller.

Die unterschätzte Kompetenz: gute Entscheidungen treffen

Je leistungsfähiger digitale Systeme werden, desto einfacher und schneller lassen sich Aufgaben erledigen: Ein Dashboard ist in kurzer Zeit erstellt, ein Text formuliert, eine Zielgruppe generiert oder ein Report zusammengefasst.

Gerade deshalb gewinnt eine andere Frage an Bedeutung: Sollten wir es überhaupt tun?

Genau hier kommen Fähigkeiten ins Spiel, die manchmal vorschnell als „Soft Skills“ bezeichnet werden: analytisches Denken, kritisches Hinterfragen, Kreativität, Kommunikation, Zusammenarbeit und die Fähigkeit, Entscheidungen nachvollziehbar zu begründen.

Der Future of Jobs Report zeigt diese Kombination: Neben AI, Big Data und technologischer Kompetenz gewinnen unter anderem kreatives Denken, Resilienz, Flexibilität und lebenslanges Lernen an Bedeutung.

KI reduziert also nicht die Bedeutung menschlicher Fähigkeiten. Sie verändert, wofür wir sie brauchen. Weniger für Routine. Mehr für Bewertung, Kontext und Entscheidung.

Tool-Einführung ohne Kompetenzaufbau ist Digitalisierung auf dem Papier.

Der klassische Ansatz lautet häufig: Tool auswählen, Schulung buchen, fertig.

Doch das ist nicht unbedingt zielführend. Nachhaltiger Kompetenzaufbau braucht einen kontinuierlichen Prozess, in dem Wissen regelmäßig aufgefrischt, Erfahrungen aus der Praxis einbezogen und neue Entwicklungen berücksichtigt werden.

Stufe 1: Grundlagen schaffen

Mitarbeitende sollten die digitalen Werkzeuge ihres Arbeitsbereichs sicher nutzen können und grundlegende Zusammenhänge bei Daten, Datenschutz, Security und KI verstehen.

Stufe 2: Anwendung trainieren

Mitarbeitende müssen die Werkzeuge auf reale Aufgaben aus ihrem Arbeitsalltag anwenden.

Stufe 3: Qualität beurteilen lernen

Je stärker KI und Automatisierung eingesetzt werden, desto wichtiger wird Qualitätskontrolle. Mitarbeitende müssen erkennen können, wann Ergebnisse plausibel sind und wann sie überprüft werden müssen.

Stufe 4: Wissen regelmäßig aktualisieren

Digitale Weiterbildung ist kein Projekt mit Enddatum. Ein Tool, das heute zentral ist, kann in zwei Jahren irrelevant sein. Ein Vorgehen, das heute funktioniert, kann durch neue Plattformregeln, Datenschutzanforderungen oder KI-Funktionen überholt werden. Deshalb ist die eigentliche Future Skill Lernfähigkeit.

Unternehmen sollten Weiterbildung entsprechend nicht nur dann organisieren, wenn eine neue Software eingeführt wird. Sinnvoller ist ein kontinuierlicher Kompetenzaufbau entlang der tatsächlichen Aufgaben.

Fazit

  • Digitale Kompetenz ist keine Tool-Liste. Entscheidend ist die Fähigkeit, neue Technologien schnell zu verstehen und sinnvoll einzusetzen.
  • KI-Kompetenz wird zur Grundkompetenz. Dazu gehören Anwendung, Qualitätskontrolle, Risikobewusstsein und klare Regeln – nicht nur Prompting.
  • Datenkompetenz bedeutet Urteilsfähigkeit. Mehr Dashboards und automatisierte Analysen ersetzen nicht die Fähigkeit, die richtigen Fragen zu stellen.
  • Menschliche Fähigkeiten verlieren nicht an Bedeutung. Kritisches Denken, Kreativität und Kommunikation werden gerade durch KI wertvoller.
  • Weiterbildung wird zum laufenden Prozess. Technologien ändern sich zu schnell für ein Qualifizierungsmodell nach dem Prinzip „einmal geschult, dauerhaft kompetent“.

Digitale Transformation funktioniert am Ende nicht deshalb, weil ein Unternehmen Zugriff auf moderne Technologie hat. Sie funktioniert dann, wenn die Menschen im Unternehmen wissen, was sie damit tun können, was sie damit tun sollten und wo ihre Grenzen liegen.

Über den Autor

Markus Bockhorni

Markus Bockhorni ist Gründer der eMBIS Akademie für Online Marketing und Experte für digitales Marketing. Seit vielen Jahren unterstützt er Unternehmen und Marketingprofis mit praxisnahen Seminaren und Weiterbildungen. Mit über 40 Seminarthemen zählt die eMBIS Akademie mit zu den führenden Anbietern für digitales Marketing im deutschsprachigen Raum.

eMBIS Akademie für Online Marketing
Digitales MarketingKI-KompetenzWeiterbildungDatenkompetenz

KI-Projekt im Unternehmen starten?

Wir matchen Sie mit dem passenden Senior-Berater — vorgeprüft, vertraglich abgesichert, einsatzbereit in Tagen.

Match starten

Weitere Artikel